Obergrenze für Blutdruck-Unterschiede an den Armen zu hoch angesetzt?

Wenn am linken und rechten Oberarm stark unterschiedliche Blutdruckwerte gemessen werden, ist das ein Zeichen für ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko – zusätzlich zu den etablierten Risikofaktoren. Die kritische Schwelle dafür wird bisher wohl zu hoch angesetzt, meinen britische Forscher.

Exeter. Blutdruckdifferenzen zwischen rechtem und linkem Arm sind insbesondere bei Hypertoniepatienten weit verbreitet. In der deutschen und der europäischen Leitlinie wird daher empfohlen, zumindest bei der ersten Messung den Blutdruck an beiden Armen zu bestimmen und nachfolgend immer am Arm mit dem höheren Wert zu messen.

Darüber hinaus wird dort ein Unterschied von mehr als 15 mmHg im systolischen Blutdruck (SBP) als Zeichen für eine atheromatöse Erkrankung und folglich ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko gewertet.

Forscher halten Grenzwert für zu hoch

Dieser Grenzwert ist nach den Erkenntnissen eines internationalen Forscherteams jedoch zu hoch angesetzt. Stattdessen schlagen Christopher Clark von der Universität Exeter und seine Mitarbeiter vor, eine Differenz von 10 mmHg beim SBP als Obergrenze des Normalen zu betrachten. Sie raten außerdem, zur Beurteilung des kardiovaskulären Risikos den Blutdruck routinemäßig an beiden Armen zu messen.

Die Forscher haben den Zusammenhang zwischen der Seitendifferenz des SBP und der kardiovaskulären Prognose analysiert, indem sie die Ergebnisse von 24 Studien auf der Ebene der einzelnen Teilnehmer ausgewertet haben (Hypertension 2020; online 21. Dezember).

In die Studien, die überwiegend auf Registern beruhen, waren zusammen fast 54.000 Personen einbezogen. Sie waren im Schnitt 60 Jahre alt und hatten einen Blutdruck von 138/81 mmHg. Die SBP-Differenz wurde in einer Sitzung durch zwei direkt aufeinanderfolgende Messungen ermittelt.

Kardiovaskuläre Mortalität steigt

Ab einem SBP-Unterschied von 5 mmHg bestand eine erhöhte Gesamtmortalität: Mit jedem mmHg, den die Werte weiter auseinanderlagen, nahm das 10-Jahres-Sterberisiko um etwa 1% zu. Dieser Zusammenhang verlor allerdings die statistische Signifikanz, wenn auf bekannte Risikofaktoren adjustiert wurde.

Die kardiovaskuläre Mortalität stieg ebenfalls mit zunehmender Seitendifferenz des SBP; das 10-Jahres-Risiko ging pro 1 mmHg um 1–2% nach oben. Diese Assoziation hielt einer vollständigen Adjustierung stand.

Die SBP-Differenz war außerdem ein signifikanter Prädiktor für das Risiko, innerhalb der nächsten zehn Jahre ein – tödliches oder nicht tödliches – kardiovaskuläres Ereignis zu erleiden. Das war selbst dann noch der Fall, wenn nur Patienten ohne bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung betrachtet wurden, die laut Framingham- bzw. ASCVD-Risiko-Score ein ähnliches Risiko hatten.

Jeder Anstieg der Seitendifferenz um 5 mmHg entsprach unter diesen Voraussetzungen einer Zunahme des 10-Jahres-Ereignisrisikos um 4% (Framingham) bzw. um 12%.

Zusätzliches Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse

„Die Seitendifferenz im Blutdruck identifiziert also ein zusätzliches Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, über das hinaus, was durch die gängigen Risiko-Scores entdeckt wird“, fassen die Forscher um Clark das zentrale Ergebnis ihrer Studie zusammen. Die SBP-Differenz könne daher eine nützliche Information sein, wenn über eine primärpräventive Therapie entschieden werde.

„Bei einer konservativen Betrachtung der Befunde können 10 mmHg vernünftigerweise als Obergrenze für eine normale Seitendifferenz des SBP betrachtet werden“, so die Mediziner. Sie plädieren dafür, diesen Grenzwert in zukünftige Leitlinien aufzunehmen.

Quelle: Ärzte Zeitung