Kranke Psyche: Viele sind mehrfach betroffen

Kranke Psyche

Kranke Psyche: Viele Betroffenen haben einen großen Leidensdruck (Foto: pixabay.com, geralt)

Wissenschaftliche Vergleichsstudie untersucht genetische Wechselwirkungen von elf Krankheiten

Boulder – Bei mehr als der Hälfte der Personen mit einer psychiatrischen Erkrankung wird im Verlauf des Lebens eine zweite oder dritte festgestellt. Rund ein Drittel der Betroffenen leiden an vier oder mehr derartigen Erkrankungen, wie eine Analyse von elf bedeutenden psychiatrischen Krankheiten unter der Leitung von Forschern der University of Colorado Boulder  zeigt. Es gibt laut der “Nature Genetics” publizierten Arbeit allerdings kein einzelnes Gen oder einen Satz von Genen, die dem Risiko für all diese Krankheiten zugrunde liegen.

Riesiger Datenpool analysiert

Laut Hauptautor Andrew Grotzinger teilen Krankheiten wie bipolare Störung und Schizophrenie, Magersucht und Zwangsstörungen sowie schwere Depressionen und Angststörungen eine verbreitete genetische Architektur. Die Ergebnisse würden bestätigen, dass die hohe Komorbidität bei manchen Erkrankungen teilweise sich überschneidende Verläufe des genetischen Risikos widerspiegelt. Dies könnte die Tür für Behandlungen öffnen, die mehrfache psychiatrische Leiden gleichzeitig ansprechen und helfen, die Art und Weise umzugestalten, wie Diagnosen erstellt werden. “Diese Studie ist ein Meilenstein in Richtung eines Diagnosehandbuches, das besser abbildet, was biologisch tatsächlich passiert.”

Für die Studie haben die Forscher öffentlich zugängliche Daten von genomweiten Assoziationsstudien hunderttausender Menschen analysiert, deren genetisches Material in großen Datensätzen wie der UK Biobank und dem Psychiatric Genomics Consortium gespeichert ist. Untersucht wurden Gene, die mit elf Erkrankungen wie Schizophrenie, bipolare Störung, schwere depressive Störung, Angststörung, Magersucht, Zwangsstörungen, Tourette-Syndrom, posttraumatische Belastungsstörung, problematischer Alkoholkonsum, ADHS und Autismus, in Zusammenhang stehen. Zusätzlich wurden Daten, die mittels tragbarer Bewegungsverfolgungsgeräte ermittelt und Umfragedaten zu den Bereichen Körper und Verhalten ausgewertet. Mittels statistischer genetischer Methoden wurden gemeinsame Muster quer über die Krankheiten hinweg identifiziert.

Die Forscher fanden heraus, dass 70 Prozent des genetischen Signals, das mit Schizophrenie verbunden ist, auch mit der bipolaren Störung in Zusammenhang steht. Diese Erkenntnis war überraschend, da unter den derzeit geltenden Leitlinien zur Diagnostik, Ärzte bei einer Person nicht beide Krankheiten diagnostizieren werden. Auch Anorexie und Zwangsstörung haben eine starke gemeinsame genetische Architektur. Personen mit einer genetischen Veranlagung haben einen kleineren Körpertyp oder einen niedrigen BMI. Wenig überraschend war die große genetische Überschneidung zwischen Angststörungen und schweren Depressionen. Beide Krankheiten werden häufig gemeinsam diagnostiziert.

Krankheit bestimmt Bewegung

Bei der Analyse der Beschleunigungsmesser hat sich gezeigt, dass Erkrankungen, die dazu neigen gemeinsam aufzutreten, auch dazu tendieren, Gene zu teilen, die beeinflussen, wie und wann sich ein Mensch im Laufe des Tages bewegt. Personen mit internalisierenden Störungen wie Angststörungen und Depressionen neigen dazu, eine genetische Architektur zu haben, die mit wenig Bewegung in Zusammenhang gebracht wird. Zwangsstörungen und Magersucht neigen dazu mit Genen zu korrelieren, die mit mehr Bewegung während des Tages in Verbindung stehen. Psychotische Erkrankungen wie Schizophrenie und bipolare Störung neigen genetisch mit übermäßiger Bewegung in den frühen Morgenstunden zu korrelieren.

Insgesamt hat das Team 152 genetische Varianten erfasst, die von verschiedenen Krankheiten geteilt werden. Dazu gehören auch jene, bei denen bereits bekannt war, dass sie bestimmte Arten von Gehirnzellen beeinflussen. Genvarianten zum Beispiel, die erregende und GABAerge Gehirnneuronen beeinflussen, die bei entscheidenden Signalübermittlungen eine Rolle spielen, scheinen stark auch dem genetischen Signal zugrunde zu liegen, das Schizophrenie und bipolare Störung gemeinsam haben. An der Studie waren auch Forscher der University of Texas at Austin  und die Vrije Universiteit Amsterdam  beteiligt.

Quelle: pressetext.com